Staatsgalerie Prenzlauer Berg

Der Name ist ein klarer Fall von Amtsanmaßung

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Jürgen Schneider ist Übersetzer, Autor und Herausgeber. Er ist gelegentlich auch als
bildender Künstler tätig. Er lebt in Düsseldorf.

Die Fotografien für diese Ausstellung wurden aus der Serie text_II_affiches ausgewählt.
Sie entstanden während Jürgen Schneiders Arbeit an seinem Roman RMX (der im
Oktober 2011 im Karin Kramer Verlag, Berlin, erschien). Dieser Roman ist im wesentlichen
aus Schnipseln montiert, die aus Zeitungen, Magazinen & Zeitschriften ausgeschnitten
wurden. Deren flüchtiger Status wird durch die Rekombinierung & Rekontextualisierung
aufgehoben. Durch die Fokussierung auf Wörter oder Buchstaben, die auf zum Teil
abgerissenen Plakaten zu sehen waren, wiederholt sich die Methode. Die Schrift oder was
davon noch zu sehen ist (wenn überhaupt) wird »archiviert«.

Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen von Jürgen Schneider bislang in:
Belfast (Nordirland), Berlin, Bytów (Polen), Chemnitz, Köln, Kopenhagen (Dänemark),
Ostheim/Rhön, Rom (Italien), Roscommon (Republik Irland), Ustka (Polen), Whitegate
(Republik Irland).

Werke in Privatsammlungen in: Deutschland, Irland, Italien, Japan, Nordirland, USA.
XVI
Inzwischen ist Schwäbisch Hall im Ausnahmezustand. Das
ist immer der Fall, wenn in der Kunsthalle Würth eine neue
Ausstellung eröffnet wird. Das Parkhaus wird für VIPs
reserviert, an jeder Ecke Würth-Posten, Sicherheitskräfte,
Polizisten wie beim Staatsempfang. Kellner & Köche schleppen
das Catering herbei. Dabei steht doch nur die Vernissage
von »Georg Baselitz Top« an.
»Das ist nicht mehr lustig«, schimpfen einige Mitarbeiter,
weil diesmal noch mehr Aufwand getrieben & ein ganz
besonderer Ehrengast & Festredner erwartet wird: Gerhard
Schröder. Er ist zwar nicht mehr Bundeskanzler, trotzdem
nennen ihn an diesem Abend alle noch so. Schröder & Base-
litz gemeinsam in Schwäbisch Hall, zwei grosse Männer aus
Politik & Kunst – das bekommt man nicht alle Tage geboten,
dafür braucht es den Schraubenkönig Reinhold Würth, der
solche Events inszeniert. Deshalb sind aus dem ganzen Land
Galeristen, Künstler- & Sammlerkollegen angereist. Luftballons
säumen die Straßen, ein Pilgerstrom zieht ins Globe
Theatre, wo bereits Hunderte Schlange stehen. Die Ehrengäste
im Parkett bekommen Fleecedecken & Heizpads. Rezzo
Schlauch lümmelt neben Erhard Eppler, sogar ein Enkel von
Picasso ist gekommen.
»Was soll unsereiner sagen?« fragt Schröder, das Grinsen
festgetackert.
»Ich bin doch ein deutscher Künstler«, hat Baselitz
immer wieder gesagt.
Baselitz ist einer der deutschen Vorzeigekünstler &
hat sich von den Stararchitekten Herzog & de Meuron ein
schickes Atelier am Ammersee bauen lassen. Vor drei Jahren
hat er ein neues Programm aufgelegt: Remix. Er malt seine
früheren Gemälde nach.
»Die alten Bilder sind zu gut, dass es dem nichts hinzuzufügen
gibt«, sagt Baselitz. Aber er wolle sie jetzt
ohne »den psychologischen Druck« von damals wiederholen.
Baselitz hat die Ausstellung mit Peter-Klaus Schuster
& Werner Spies entwickelt. Auch sie sind zwei der Grossen
aus der Welt der Kunst. Schuster ist Generaldirektor der
Staatlichen Museen zu Berlin, Spies war Direktor des Paris
Centre Pompidou.
Doch statt zu erläutern, was die Qualitäten der Remix-
Serie sein könnten, begnügen sich die Herren bei der
Vernissage damit, ihre Katalogbeiträge runterzubeten. Unstrukturiert
mäandern sie durch Biografie, Vergangenheit &
persönliche Erinnerungen. Schuster schmatzt genüsslich
auf den Worten & merkt nicht, dass das Publikum nicht aus
Begeisterung applaudiert, sondern weil’s genug, genug ist.
Reinhold Würth gelingt es gerade noch, die Stimmung zu retten
mit einem Witz: Wird ein Bauer von seinem Sohn gefragt,
was ein Professor sei. »Einer, der meint, er könne mit
einem Furz den ganzen Acker düngen.«
Aber man fragt sich, ob nicht auch Baselitz nur mit
einem Furz versucht, sein Spätwerk zu retten. Eine Bemerkung
von Spies lässt dies vermuten: Picassos Spätwerk sei
verkannt worden – zu Unrecht. Will Spies damit sagen,
dass auch der alte Baselitz nun einen Fürsprecher wie ihn
braucht?
Wenn Baselitz bei ›Die grosse Nacht von damals (Remix)‹
von 2008 dem jungen Mann mit erigiertem Geschlecht ein
Hitlerbärtchen malt, ist das bestenfalls noch Attitüde. &
so wenig politisch & aufrührerisch wie Schusters Hinweis,
dass das Ehepaar Baselitz bis heute täglich über den Krieg
spreche.
Als Amy Winehouse kurz vor Mitternacht hereintorkelt,
ist nicht zu übersehen, wie schlecht es ihr geht.
Sie wird hinter dem DJ-Pult stehen. Amys Haut schimmert
gelblich, ihre beängstigend dürre Figur wirkt zerbrechlicher
denn je, die Hände sind skelettartig abgemagert. Die
25-Jährige wirkt entkräftet, fahrig, schwankt hin & her &
muss sich immer wieder am Pult abstützen. Sie ist nicht mal
in der Lage, aus eigener Kraft die Nadel auf die Platte zu
setzen – das erledigt einer ihrer drei Begleiter.
Natürlich darf auch der Alkohol nicht fehlen. Immer
wieder gönnt sich die Sängerin einen tiefen Schluck aus der
Wodkaflasche. Dann reicht sie Nicole ihren mit Fingerabdrücken
& Klecksen verschmierten Laptop & bittet sie, die
Fotos von sich & ihrem Ehemann zu zeigen – wie sie knutschen,
wie sie Grimassen schneiden wie Mickey & Mallory in
Natural Born Killers.
Plötzlich zeigt der Bildschirm Winehouses verwackeltes
Gesicht, von oben fotografiert, ein Telefon in der Hand,
einen riesigen Schwanz im Mund.
Mit ›Nothing But A Heartache‹ von The Flirtations
beginnt Amy ihren Set. Immer wieder verfängt sich die Kopfhörerschnur
in ihren Haarsträhnen.
Nun haftet ihr unsteter Blick konsequent auf dem Plattenspieler.
Kein Augenkontakt, kein Flirt, keine Begrüssung
der Gäste. Die Sängerin wirkt wie ein verschüchtertes
Mädchen, das in ihrem Kinderzimmer ihre Lieblingsplatten
spielt. Autistisch. Verloren in ihrer eigenen Welt. Nur 35
Minuten später ist der Spuk vorbei. Die Gäste applaudieren
kurz, Winehosue verlässt das DJ-Pult. Ihre Arme sind übersät
mit Schnitten & Schrammen, & als sie die Treppe hochgeht,
kratzt sie heftig daran.
»Danke, Amy!« schreit einer.
»Pleasure«, schreit sie zurück & murmelt: »You fucking
gooks.« Sie lacht laut.
Nach dem Auftritt berichteten die Zeitungen, sie sei
betrunken gewesen. Es heisst, sie habe ein paar Stunden
verspätet gespielt. Ohne Unterwäsche. Ihre Pressefrau
Tracey Miller weist das alles zurück & gibt an, es sei alles
prima gelaufen.
Knapp einen Kilometer entfernt wohnt Manuela C. mit
ihrem Mann, ihrer Tochter (3) & zwei Hauskaninchen. Gegen
8.30 Uhr beissen Hunde zu. Sie drücken das Tor zum Stall
auf & zerfleischen die Tiere. Als der Hausbesitzer die
Bluttat bemerkt, verscheucht er die Hunde. Die Kaninchen
sind tot.
Die Tiere – Neufundländer (ursprünglich aus Kanada) &
Hovawart-Hunde (deutsche Rasse) – schlichen durch die Gärten
der Villengegend. Jetzt beschäftigt der Kaninchentod
das Ordnungsamt. Denn die Anwohner haben Angst.
Ein Nachbar erzählt: »Es war nicht das erste Mal, dass
die Hunde ohne Frauchen durch die Gegend streunten.«
»Generell muss man bei Hunden eigentlich keine Angst
haben«, sagt Tierarzt Pollmann (38). Der Veterinär erklärt:
»Beide sind Arbeitshunde, mit geringem Beutetrieb. Wenn
den Tieren aber die Beschäftigung fehlt, dann suchen sie
sich eben einen anderen Zeitvertreib.«

Jürgen Schneider, RMX. Roman (Auszug)
Berlin: Karin Kramer Verlag, 2011