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Henryk Gericke hat wirklich nichts gegen Schwaben. Schon gar nicht gegen "die Schwaben." So bezeichnet man bekanntlich Besserverdienende unter 40, die aus den alten Bundesländern nach Prenzlauer Berg zogen, doch seiner Meinung nach sind sie durchaus nicht so schlimm wie ihr Ruf. „Die meinen's nicht böse," sagt er.

Gericke lebt seit seiner Kindheit hier. Er weiß natürlich, dass auch die in den 80er Jahren hier ansässigen Künstler nicht alle aus dem Kiez stammten. Wenn sie nicht aus Friedrichshain kamen wie sein Freund Bert Papenfuß, dann eben aus Dresden, Leipzig oder Karl-Marx-Stadt.

Mit bestimmten Veränderungen der vergangenen Jahre hat er trotzdem so seine Schwierigkeiten. Unlängst eröffnete er in der Greifswalder Straße eine „Staatsgalerie Prenzlauer Berg." Das ist eine Art Kulturhaus, ähnlich der Papenfußschen „Rumbalotte continua" – nur dass hier, statt des Ausschanks, eher Ausstellungen geboten werden. „Staatsgalerie Prenzlauer Berg": Der Name sei ein klassischer Fall von Amtsanmaßung, heißt es auf Gerickes Homepage. „Er fügt sich in die Reihe von Überhöhungen, wie sie derzeit en vogue sind im ‚Prenzlberg'. Da läutet es ‚Kolle Belle', da tönt es ‚Immanuelkirch Carré', da dröhnt es ‚Prenzlbogen' oder säuselt es ‚Winsgärten'. Eine solch stolze Gemeinde braucht einen Dom. Oder, reicht der Glaube nicht, eine Staatsgalerie."

Ihre Skepsis gegenüber allem, was staatstragend und offiziell klingt, verbindet Papenfuß und Gericke seit langem. Gericke war zu DDR-Zeiten in der Punk-Szene aktiv (die Band hieß „The Leistungsleichen"), schrieb für subversive Blätter oder gab selbst welche heraus; „Caligo", „Autodafé" oder „Braegen" hießen sie. Papenfuß reüssierte als Dichter, man nannte ihn den „Johann Fischart der DDR," auch seine experimentelle Lyrik erschien in inoffiziellen Zeitschriften wie „ariadnefabrik", „Schaden" oder „Liane". Seinen ersten Gedichtband „harm" publizierte Papenfuß 1985 im West-Berliner KULT-uhr-Verlag - mit einem Vorwort von Ernst Jandl, der ihn als „Dichter ersten Ranges" lobte.


"Es ist schade, dass das mit der Wende im Wesentlichen nicht weiter geführt wurde."

Heute gibt es keine Diktatur mehr, der es Widerstand zu leisten gilt, doch ums bloß?e Dagegensein ging es anscheinend auch früher nicht. „Die Infragestellung der Herrschaftssprache war damals nicht ausschließlich auf das politische System bezogen," sagt jedenfalls Thomas Wohlfahrt, mit Blick auf die spielerische Sprachverwendung vieler damaliger Dichter. Wohlfahrt leitet heute die Literaturwerkstatt, eine der wichtigsten Literaturinstitutionen in Prenzlauer Berg. In den 80er Jahren wohnte er in der Erich-Weinert-Straße – bevor er 1988 in den Westen ging. „Es ging einfach darum, eigene Sachen zu machen, darüber eine eigene Sprache zu entwickeln und so der Sprache, die nicht mehr informierte, benannte, auf die kein Verlass mehr war, einen frischen Atem zu geben. Die Dinge fingen als Kunst an zu tanzen. Es ist schade, dass das mit der Wende im Wesentlichen nicht weiter geführt wurde."

Gericke und Papenfuß finden das ebenfalls traurig. Dass sie ihre beiden lose verbundenen Etablissements nun ausgerechnet in Prenzlauer Berg eröffneten, ist deshalb kein Zufall. Gericke, Jahrgang 1964, residiert in der Greifswalder Straße, weil er sie für „die letzte vergessene, dreckige Tangente des Prenzlauer Berg" hält. Genau hier will er die Stellung halten, sich eben nicht verdrängen lassen von teuren Mieten und einer neuen Boogaboo-Bohème. In seiner „Staatsgalerie Prenzlauer Berg" hängen zwar nicht nur Arbeiten von alten Freunden wie Ronald Lippok, maximal ein Viertel seiner Ausstellungen hat mit den früheren Zusammenhängen zu tun. Aber wer ihn besucht, spürt schnell, was ihn umtreibt: „Wie gingen nach 1989 die Biografien derer weiter, die diesen Bezirk mal hip gemacht haben." Kontinuität: Das klingt auch im Namen der Papenfußschen Kneipe an, „Rumbalotte continua". So ähnlich – nämlich „Lotta continua" – hieß schließlich einst auch eine Bewegung der radikalen Linken in Italien. Auf Deutsch: „Der Kampf geht weiter."