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Eine Ausstellung von Jens Becker und Ronald Lippok eröffnet die STAATSGALERIE PRENZLAUER BERG.

Wer genau hinhört, kann ihn wahrnehmen: Aus einer kühl gestalteten Apparatur, die an das Plattencover zu Kraftwerks »Radioaktivität« erinnert und »T-0« heißt, dringt ein stetiger metallischer Basston. Wer länger hinhört, kann zu ihm meditieren. Das Objekt hat der Berliner Künstler Jens Becker (Kunstsalon Europa) erstellt. Er und Ronald Lippok (Tarwater, to rococo rot) bestreiten die erste Ausstellung der STAATSGALERIE PRENZLAUER BERG, die am Sonnabend direkt neben Berlins Tresen für Krautrock, der NEU!-Bar im Südosten des Prenzlauer Bergs, ihre Arbeit aufnahm. Weder das ist Zufall noch der sperrige Name der Galerie und Kulturstätte. »Ein klarer Fall von Amtsanmaßung« meint ihr Gründer, der Berliner Autor, DJ, Ausstellungskurator und Dramaturg Henryk Gericke. Er ist einer von denen, die nicht »Prenzlberg« sagen, wenn sie von ihrem Wohn- und Arbeitsort reden. Im mythischen Berliner Bezirk nennt sich die ausgestellte Behaglichkeit monetär befestigt »Kolle Belle«, »Immanuelkirch Carré«, »Prenzlbogen« oder »Winsgärten«.
Es geht noch niedlicher: »Strandbad Kollwitzplatz«.

Als Gericke mit einem Freund die künftigen Räumlichkeiten der STAATSGALERIE inspizierte, meinte der mit Blick auf die Treppe im straßenseitigen, fast fünf Meter hohen Raum: Dies sei ein idealer Ort, um eine Republik auszurufen. Gericke kann Geschichten erzählen, als andere Namen durch den Prenzlauer Berg gingen. Lange vor 1989 und noch länger, bevor der Bezirk zum Laufsteg wurde, hießen inoffizielle Zeitschriften ariadnefabrik oder Schaden und Bands Aufruhr zur Liebe oder Ornament & Verbrechen, die Ronald Lippok 1983 mit seinem Bruder Robert gründete. Ostberlin, die Hauptstadt eines verdämmernden Staates, konnte sehr aufregend sein. Einige dieser Geschichten hat Gericke selbst geschrieben: Er war von 1981 bis 1983 Sänger der Punkband the Leistungsleichen und gab von 1985 bis 1987 mit Lippok die surrealistische Zeitschrift »Caligo« heraus. 1990 war er Mitbegründer und bis zu seinem Austritt 1993 Gesellschafter des Druckhauses Galrev. Nostalgisch will er nicht werden: Die STAATSGALERIE hat einen konkreten kulturgeschichtlichen Hintergrund, soll aber nicht zum Museum der Subversion werden.

Jens Becker und Ronald Lippok hat Gericke vor einigen Jahren miteinander bekannt gemacht. Beide, ein flüchtiger Betrachter könnte sie für sehr gegensätzliche Künstler halten, verstanden sich auf Anhieb. Becker absolvierte von 1983 bis 1989 ein Naturstudium bei den früh verstorbenen Berliner Künstlern Robert Rehfeldt (dem Organisator der ersten Mail-Art-Ausstellung der DDR) und Brigitte Fugmann. 1996 zerstückelte Becker sein malerisches und flächiges Werk. Zwei Jahre vorher hatte er sein erstes mechanisches Objekt erstellt. Seitdem baut Becker mechanische Rotationsobjekte von bestrickender Präzision. Georg Weiser sagt über Becker, er »definiert seine Experimentalaufbauten als offenes Geschehen im Gegenwärtigen, in dem das Phänomen der Zeit visualisiert wird. An dieser Schnittstelle werden die Verbindungen zwischen Naturwissenschaft, Kunst und Glaubensvorstellungen untersucht.« Neben Beckers Objekten wirken Lippoks Bilder erstmal märchenhaft. Dabei beruhen sie auf alchemistischen Experimenten und chemischen Formeln. Einige der Bilder stammen aus einem Altar, den Lippok mit dem Dichter Bert Papenfuß für den Schriftsteller und Mystiker Quirinus Kuhlmann gestaltete. Lippok malt Motive aus Bergbau, Schifffahrt und Walfang. Im Schaufenster der STAATSGALERIE hängt »The Word«: Das Bild zeigt, wie die menschliche Stimme arbeitet. Darunter steht eine Arbeit Beckers: Ein Plattenspieler, der in einer Endlosschleife eine verspiegelte LP abspielt. Der Galeriegründer ist übrigens passionierter Plattensammler.

Robert Mießner für satt.org