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Eine Séance für Leonora Carrington in der Staatsgalerie Prenzlauer Berg

Mit der Nachtseite auf Du und Du zu sein, kann zu einem langen Leben führen. Im Alter von 94 Jahren starb Ende Mai diesen Jahres die surrealistische Malerin, Schriftstellerin und Dramatikerin Leonora Carrington in Mexiko-Stadt. Die »absolute Abweichung« (André Breton) begann bei ihr in jungen Jahren: Carrington, geboren in Lancashire in die Familie eines wohlhabenden Textilfabrikanten und einer irischen Mutter, schrieb als Kind spiegelverkehrt und flog von zwei Schulen. Die Aussicht, seine Tochter könnte Künstlerin werden, passte nicht in den Plan, den ihr Vater für sie hatte. Dafür konnte Carrington ihre Mutter überzeugen, sie nach Florenz zum Kunststudium zu schicken. Ihre Ausbildung beendete sie in London, wo sie Max Ernst traf. Als Künstler kannte sie ihn bereits: Die Mutter hatte ihr Herbert Reads Buch »Surrealism« (1936) geschenkt. Das Buchcover war mit Ernsts Gemälde »Zwei Kinder werden von einer Nachtigall bedroht« (1924) illustriert.

Carrington, Fotos zeigen eine schwarzhaarige Frau von entschlossener Schönheit, und der 26 Jahre ältere Max Ernst wurden ein Paar. Bis zu Ernsts Verhaftung 1940 nach der Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg lebten sie in Saint-Martin-d’Ardèche in einem abgelegenen Bauernhaus zusammen. Carrington floh in die USA und zog 1942 nach Mexiko, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Auf der Flucht lernte sie in der mexikanischen Botschaft in Lissabon den mexikanischen Schriftsteller Renato Leduc kennen. Beide heirateten, die Ehe wurde kurz darauf geschieden. In Mexiko heiratete sie 1946 den Photographen Emérico Chiki Weisz, mit dem sie zwei Kinder bekam.

Carrington sagte von sich, sie wolle keine Muse sein. Bei Ernst wurde sie zur »Windsbraut«. Eines ihrer Bilder heißt »The Giantess« (1950): Aus einer braun-grünen Landschaft wächst eine Riesin in den Himmel; aus ihrem Kleid und Umhang fliegen ein halbes Dutzend Vögel. Formlos oder eskapistisch sind Carringtons Gemälde und Texte nicht, sie ermöglichen ein genaues Studium des Paranormalen. Die Autorin Leonora Carrington erscheint in Deutschland bei Suhrkamp und Nautilus. Heute bestreiten die Schauspielerin Malah Helman, der Fotograf und Bühnenbildner Thomas Gust und der Schriftsteller Johannes Jansen im Grenzgebiet des Prenzlauer Bergs eine Séance für Carrington. Helman sagt: »Der gesellschaftliche Realismus der Tage schreit geradezu nach einer Neuinterpretation des Surrealen.« Nach Beginn der Veranstaltung ist kein Einlaß mehr möglich.